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„Mit 92 Jahren bin ich wohl einer der Jüngsten“

veröffentlicht am 20.04.2016 von Annett Kircheis
in Rubrik(en) Neuigkeiten

Zeitzeugengespräch mit dem ehemaligen Buchenwaldhäftling Jacques Paitier

Jacques Paitier | Peter Hansen, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald kennzeichnen

Jacques Paitier | Peter Hansen, Sammlung Gedenkstätte Buchenwald kennzeichnen

 Der 11. April wird in Weimar immer ein besonderes Datum sein, denn an diesem Tag vor 71 Jahren wurde das Konzentrationslager Buchenwald befreit. Regelmäßig konnten wir in der Vergangenheit im Zusammenhang mit diesem Gedenktag einen Zeitzeugen begrüßen, der seine Geschichte erzählte und bereit war, auf Fragen zu antworten. Es sind besondere Begegnungen mit sehr unterschiedli-chen Menschen, die aber eines vereint: Sie haben in ihrem Leben in Weimar Schreckliches erlebt und wollen darüber sprechen, ihre Erfahrungen berichten und an die nachgeborenen Generationen weitergeben. Wer einem solchen Zeitzeugen begegnet ist, wird es nicht so schnell vergessen, und so ist es für uns als Schule ein sehr wichtiges Anliegen, unseren Schülern solche Begegnungen zu ermöglichen. Der Nähe zur Gedenkstätte Buchenwald und der leidenschaftlichen Arbeit seiner Päda-gogen ist es zu verdanken, dass dies noch gelingt. Denn es liegt leider in der Natur der Sache, dass viele derjenigen, die den NS-Terror überlebt haben, nun inzwischen verstorben sind. Wer bei seiner Befreiung im Jahr 1945 20 Jahre alt war, ist nun in seinem 9. Lebensjahrzehnt. Auch aus diesem Grund ist jedes Zusammentreffen mit einem ehemaligen Häftling ein einmaliger Moment.
In diesem Jahr hatten wir die Freude, Jacques Paitier aus Charleroi in Belgien begrüßen zu können, der in Begleitung seiner Tochter am 18.4.2016 ins Mehrgenerationenhaus in Weimar-West gekommen war. M. Paitier strahlte eine große Freundlichkeit und Vitalität aus, die man ihm angesichts seines fortgeschrittenen Alters nicht zugetraut hätte. Er berichtete, wie er anstelle seines Vaters verhaftet wurde, der als Angehöriger der belgischen Résistance gesucht wurde, der aber rechtzeitig untertauchen konnte. Paitier wurde zunächst in Belgien gefangen gehalten – zu seinem Glück, so erzählt er, nicht als Gestapo-Häftling, sondern von der Militärpolizei, so dass ihm Folter erspart blieb. Auch von skurrilen Erlebnissen berichtet er: Der Oberkommissar im belgischen Mons bringt ihn in Handschellen im Auto zu einem Schneider und befiehlt diesem, Paitier einen Anzug zu schneidern. Auf Nachfrage erfährt der verblüffte junge Mann, dass der Anzug für den Sohn des Beamten gedacht sei, der dieselbe Statur habe wie er.
Schließlich wird Paitier ins oberschlesische Industrierevier zur Zwangsarbeit gebracht. Nach insgesamt einem Jahr Haft wird er mit seinen Mithäftlingen vor der heranrückenden sowjetischen Armee „evakuiert“: Zuerst müssen sie im überaus strengen Winter zu Beginn des Jahres 1945 in 8 Tagen 145 km marschieren. Die Hälfte von ihnen fällt diesem Todesmarsch zum Opfer. Danach werden sie drei Tage lange weitertransportiert – in offenen Güterwaggons! Die Überlebenden finden sich in Buchenwald wieder. Paitier ist hier erstmals direkt der SS ausgesetzt und muss eine der schwersten Arbeiten verrichten, jene im Steinbruch. Die schwierigsten Momente, so erzählt der alte Herr, waren jene in den letzten Tagen vor der Befreiung des Lagers Anfang April, als die Häftlinge in ständiger Angst lebten, auf einen der weiteren Todesmärsche geschickt zu werden.
Jacques Paitier hat Glück, er bleibt in Buchenwald und erlebt die Ankunft des ersten amerikanischen Panzers im Lager am 11. April 1945, erlebt die Übernahme des Lagers durch den Lagerwiderstand und dann durch die US-Armee. Einen Monat noch verbringt er im Lager. Er erzählt von befreiten, aber sehr geschwächten Häftlingen, die noch sterben, weil sie die ungewohnt reichhaltige Ernährung durch das amerikanische Rote Kreuz nicht mehr vertragen. Zwar können die Überlebenden das Lager tagsüber auch verlassen, doch ist das von den Amerikanern nicht gerne gesehen, die die Rückkehr der Befreiten in ihre Heimatländer organisieren. Am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, wird Paitier mit anderen Belgiern nach Hause geflogen. Seinen Berufswunsch, Architekt zu werden, kann er nicht mehr verwirklichen, wird stattdessen Kripobeamter. Als er 1955 erstmals nach Weimar zurückkehrt, fällt es ihm angesichts seiner Erinnerungen schwer, das Lagertor zu durchschreiten. Doch ist er inzwischen schon zum vierten Mal wieder in Buchenwald. „Wir haben die Pflicht uns zu erinnern“, sagt er im Gespräch, „und unserer Kameraden zu gedenken, die hier geblieben sind.“ Und diese devoir de mémoire gerade auch der Überlebenden nimmt er ernst, vielleicht heute sogar noch stärker als vorher schon, denn „mit 92 Jahren bin ich heute wohl einer der Jüngsten“.


Kai Sauer

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